Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Land der Gegensätze

31.03.2011, 10:00

Kolumbien

Nun ist es also schon an der Zeit, euch meinen ersten ausführlicheren Bericht meines Freiwilligendienstes hier zu schicken. Gut drei Monate bin ich nun schon in Kolumbien und, wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, frage ich mich wirklich, wo sie denn so schnell hin ist. So weit weg scheint hier das geordnete Leben in Deutschland. Kaum zu glauben, dass schon wieder Weihnachten vor der Tür steht. Sich vorzustellen, dass die Menschen gerade Handschuhe tragen, der kalte Schnee, die viel zu vollen Terminkalender im Dezember, einfach gemütlich zusammen Plätzchen backen, auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein trinken, das ist ganz schon komisch.

Mitten in dieses vorweihnachtliche Treiben sende ich nun meine Erlebnisse aus dem fernenKolumbien und hoffe, euch damit ein wenig an meinem Leben in dieser doch ziemlich anderen Welt teilhaben zu lassen. Angefangen mit den vielen Dingen, die vor Beginn meiner Reise noch zu tun waren: der Beschaffung des Visums, was dieses Jahr nicht ganz so leicht über die Bühne lief und schließlich die letzten Tage zuhause, die nun schon weit weg scheinen, so dass sie mir fast unwirklich vorkommen.Ich erinnere mich an eine hektische Verabschiedung von unserer alten Wohnung undspäter von meinen Freunden am Düsseldorfer Flughafen  bevor wir am frühen Morgen des 19. August endlich ins Flugzeug stiegen.

Und nun bin ich hier. 

Da mein erster Monat hier aufgrund diverser Planänderungen und Unklarheiten relativ durcheinander war, ist mir die Eingewöhnung zunächst nicht ganz leicht gefallen. Verwirrungen und anfänglich spontane Schlafplatzwechsel, dazu eine Menge lauter, spanischsprechender Leute um mich herum und zwischen all dem kaum jemand, der mir ein wenig erklärt oder gezeigt hat.

Ich war erst mal den ganzen Tag damit beschäftigt, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten, und habe mich zugegeben einige Male gefragt, ob ich diesem scheinbar grenzenlosen Chaos wirklich gewachsen bin und, wie das denn jetzt hier weitergehen soll. Meine Motivation rappelte sich jedoch wieder auf, als dann ein vorübergehender Schlafplatz für mich feststand und mein Sprachkurs begann.

Da ich bis dahin lediglich ein paar Wörter und Grußformeln beherrschte und Amtssprache in Kolumbien nun einmal Spanisch ist, war dieser auch durchaus notwendig. Es war jedoch eine interessante Erfahrung für mich zu erfahren, was es heißt, die Sprache eines Landes nicht zu beherrschen, in dem man sich befindet. Natürlich habe ich versucht, mich darauf vorzubereiten, aber was dass wirklich heißt, wurde mir erst in meinen ersten Tagen hier richtig bewusst. Wie man sich fühlt, wenn man etwas mitteilen oder verstehen will, es aber einfach nicht so möglich ist, wie man sich das vorstellt.

Da der Unterricht nicht ausschließlich aus Grammatik und unregelmäßigen Verben bestand, sondern auch einige praktische Tätigkeiten beinhaltete, lernte ich gemeinsam mit meinem Lehrer Jairo in den folgenden Wochen auch mehr von der Stadt kennen, die ja immerhin für ein Jahr mein neues Zuhause werden sollte.

Medellin eine Stadt voller Gegensätze. 

Umgeben von Bergen liegt sie eingezwängt im schmalen Aburrtal in 1538 m Höhe und hat 2,5 Millionen Einwohner. Fast jeder Fleck der Stadt ist bevölkert – entlang der mit Fahrzeugen und schlechter Luft verstopften Hauptstraßen im Zentrum ragen Hochhäuser in die Luft, es gibt große Einkaufszentren, Banken und teure Diskotheken. Auf den Straßen sieht man hauptsächlich Taxis, kleine und große Busse und Motorräder. Als zusätzliches Transportmittel fährt in Medellin die erste Metro Kolumbiens, an die an zwei Stellen auch eine Kabelmetro anschließt. Aber nicht nur das Innere der Stadt, auch die nach außen hin immer steiler werdenden Berghänge sind dicht besiedelt. Tausenden Menschen wohnen hier in kleinen Holz- und Betonhäusern und viele befinden sich aufgrund der teilweise ziemlich steilen Abhänge nicht gerade in einer sicheren Wohnlage. Nachts leuchten die so genannten Barrios (Stadtviertel), die sich entlang der Berge erstrecken, wie ein Lichtermeer. Im modernen Zentrum gibt es zwar nahezu alles zu sehen und zu kaufen, was das europäische Herz begehrt, jedoch wird man besonders hier auch mit einer anderen Seite Medellins konfrontiert:

Blinken in der einen Straße noch animierte Ampelmännchen und die goldenen Buchstaben eines Casinos, sieht man einen Block weiter Männer, Frauen und auch Kinder, die unter katastrophalen Verhältnissen auf der Straße leben und betteln. Diese krassen Gegensätze jeden Tag so dicht beieinander zu sehen, ist nicht immer leicht.

Neben dem Sprachkurs ging ich außerdem jeden Tag in meine Projektstelle, das Red Juvenil. Auch dort fiel mir die erste Zeit ein bisschen schwer: Fast jeden Tag ist dort ein buntes Treiben verschiedener Leute, die dort in unterschiedlichen Gruppen arbeiten, jedoch ist es für Außenstehende quasi unmöglich, dort das System und einen festen Arbeitsablauf zu entdecken.

Die Mitarbeiter dort begrüßten mich anfangs zwar herzlich, jedoch hatte ich das Gefühl, dass viele von ihnen schnell wieder ihrer Wege gingen, als sie merkten, dass ich eben noch nicht so gut kommunizieren konnte. Es war nicht so leicht, von mir aus auf die Leute zuzugehen, wie das vielleicht von mir erwartet wurde. Wahrscheinlich liegen die anfänglichen Schwierigkeiten aber auch einfach daran, dass hier teilweise sehr unterschiedliche Menschen aufeinander treffen. Da ich vorerst noch genug mit meinem Sprachunterricht zu tun hatte, aß ich dort zunächst nur zu Mittag, machte meine Hausaufgaben und probierte hier und da meine erlernten Brocken Spanisch aus. Schwierig war, dass im Red meine einzigen Ansprechpartner waren, aber diese irgendwie nicht wussten, was in der Anfangszeit notwendig ist, dass ich hier z.B einen Ausweis beantragen musste, und dass lange kein Plan existierte, wo ich denn in Zukunft wohnen könnte. Da ich erst so kurze Zeit hier war, war es nicht einfach, alles gezielt anzusprechen und Lösungen zu finden.Etwa vier Wochen und diverse Diskussionen später zog ich dann in eine Wohngemeinschaft – zusammen mit zwei Geschichtsstudenten – in einer Hochhaussiedlung direkt an der Universität von Antioquia.

Es war wunderbar, nach einem guten Monat mal endlich alle Sachen aus meinem großen Rucksack packen zu können, und es ist sehr angenehm, einen eigenen kleinen Bereich zu haben, dessen Tür man auch mal schließen kann. Nach dem Umzug endete auch mein Sprachkurs und seitdem nehme ich auch ab und zu an verschiedenen Aktivitäten des Red Juvenils teil. Darunter zum Beispiel zwei Wochenendworkshops zum Thema Gewaltlosigkeit, eine Demonstration zum Menschenrecht auf Wasser, ein zweitägiges Seminar an einer der Universitäten hier in Medellin zum Thema „soziale Bewegung“ und eine Art Fortbildung, auf der unter anderem die Arbeitssituation im Red diskutiert wurde. Über Näheres zu den einzelnen Aktionen berichte ich in meinem Blog:

Diese Aktionstage waren und sind die interessantesten für mich: Es ist toll, bei Workshops und öffentlichen Aktionen neue Leute zu treffen, immer mehr Spanisch ausprobieren zu können und auch mal „live“ zu sehen, was meine Projektstelle denn alles so macht. Ich habe hier unter der Woche keine festen Arbeitszeiten oder Aufgaben, was zwar in mancherlei Hinsicht ein Vorteil ist, da ich so mehr Freiraum und die Möglichkeit habe, mir selbst etwas zu tun zu suchen.

Im November habe ich zum Beispiel spontan mit Angie, die im Red für das Mittagessen verantwortlich ist, einen Kochworkshop veranstaltet und wir haben für alle Kartoffelpüree, Blumenkohl und Frikadellen gezaubert. Leider ist es manchmal schwer, jemanden zu finden, der mir regelmäßig einige Dinge erklärt, oder mir mitteilt, wann und wo etwas stattfindet, und wobei ich vielleicht mitmachen kann. Viele Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen sind spontan, verschieben sich mal schnell um zwei Stunden oder fallen auch gerne mal aus. Das Wort Planen scheint hier nicht so wirklich beliebt zu sein. Es ist eben oft eine andere Art zu arbeiten als man es aus dem geregelten Deutschland kennt, und ich muss mich nach und nach darauf einstellen auch, wenn das wohl noch eine kleine Weile brauchen wird.

Meine einzige regelmäßige Tätigkeit ist im Augenblick die Begleitung einer Kindergruppe in einem der ärmeren Barrios, die von einem der anderen Mitarbeiter geleitet wird. Letzte Woche haben wir als Jahresabschlussaktion gemeinsam mit 6 anderen Gruppen einen Ausflug in einen Freizeitpark gemacht. Der Umgang mit den Kindern macht mir großen Spaß und ist zudem eine der besten Möglichkeiten, mein Spanisch zu trainieren.

Mittlerweile ist es nun also schon Dezember und hier haben die großen Ferien begonnen, die etwa mit den Sommerferien in Deutschland vergleichbar sind. In der Zeit bis Weihnachten werden viele Partys gefeiert, einige Leute nutzen den zum größten Teil freien Monat zum Verreisen. An nahezu jedem Haus haben die Menschen Lichterketten und blinkenden Schmuck aufgehängt und – wie jedes Jahr – sind vor allem an öffentlichen Plätzen riesige Lampions und beleuchtete Figuren aller Art angebracht. Die Stadt gibt mit diesen Dekorationen schon ein faszinierendes Bild ab und viele Medelliner sind stolz auf das jährliche Ereignis. Da es jedoch auch eine beachtliche Menge an Strom fordert, den viele Haushalte das restliche Jahr über dringend zum Leben gebrauchen könnten, hagelt es von verschiedenen Seiten auch eine Menge Kritik. Ende dieser Woche findet dazu von Seiten des Red auch eine Protestaktion statt.

Insgesamt fange ich nach einer längeren Eingewöhnungszeit langsam an, mich hier heimisch zu fühlen: Ich habe einige Kontakte geknüpft und mich an viele neue Dinge gewöhnt. Ich fühle mich nicht mehr so fremd auf den lauten Straßen der Stadt und freue mich, wenn die Frau in dem kleinen Laden gegenüber mich morgens fröhlich grüßt und mich mit einem breiten Lächeln fragt, ob ich como siempre una bolsa de leche kaufen werde.

Ich hoffe, ich konnte bis hierhin einen kleinen Einblick in mein anfängliches Leben hier verschaffen und bin neugierig darauf, wie mein Abenteuer Kolumbien im nächsten Jahr weitergeht. Bis dahin schicke ich sonnige Grüße aus Medellin ins winterliche Deutschland und wünsche euch allen noch einen schönen Dezember und natürlich Feliz Navidad!

Lioba

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