Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Erfahrungsbericht von Veronika aus Sambia

10.12.2011, 10:00

Erinnerungswürdige Momente

Nur noch ein Viertel der Zeit, die ich hier in Sambia, genauer im Tongaland, noch genauer in Mazabuka bei der Familie verbringen darf, liegt vor mir. Oder soll ich lieber sagen drei Monate, oder 101 Tage? Ich denke 101 Tag gefällt mir am besten, denn es hört sich am längsten an! Ich will ein paar Momente aufzählen, die mich auf gewisse Weise berührt haben, denn letztendlich sind es diese Momente, an die ich mich erinnern werde, und es sind diese kleinen Momente, auf die es für mich ankommt.

Als erstes kommt mir sofort meine kleine Schwester in den Sinn. Sie ist mittlerweile ein Jahr und einen Monat alt und immer, wenn ich nach Hause komme, strahlt sie mich an, lacht oder rennt mir klatschend und begeistert entgegen. Anfangs hatte sie Angst vor mir und hat auch lange gebraucht, um sich an mich zu gewöhnen. Zwar wird sie sich nicht an mich erinnern, wenn ich einmal wieder nach Sambia zurückkomme, aber vielleicht hat sie irgendwie gelernt, dass hellhäutige Menschen genauso einfach nur Menschen sind, wie dunkelhäutige. Vielleicht wird sie später, wenn sie eine hellhäutige Person auf der Strasse trifft, nicht sonderlich beeindruckt sein und sich einfach normal verhalten.

Auch berührt es mich jedes Mal, wie sehr sich die Menschen, denen ich hier auf der Strasse begegne, freuen, wenn ich sie in ihrer Sprache begrüße oder ein paar vereinzelte Dinge ausdrücken kann. In Deutschland wird es als selbstverständlich angesehen, dass alle, die nach Deutschland kommen, deutsch sprechen müssen, aber für viele Hellhäutige hier scheint es überflüssig zu sein, denn immerhin können sie sich meistens auf Englisch verständlich machen. Dass dies aber genauso für die Sambier wie für uns nur eine Sprache ist, die sie in der Schule gelernt haben und die ihnen nicht viel Identität gibt, wird darüber vergessen. Die Reaktion auf meine Antworten in der Stammessprache ist dann ein stolz erfreutes „Oh… you know Tonga. You are now one of us. You are a true African girl.” – Oh, du kannst Tonga, du bist jetzt Eine von uns, du bist ein richtiges afrikanisches Mädchen!

Genauso freue ich mich darüber, dass immer mehr Jugendliche ein paar Wörter auf Deutsch sagen können und mir damit zeigen, dass sie ein aufrichtiges Interesse daran haben das ich hier bin. Seit dieser Woche gebe ich auch Deutschunterricht. Immer wieder kamen Leute mit der Bitte an mich heran, dass ich ihnen ein paar Wörter auf einen Zettel schreiben möge. Und um nun niemanden zu bevorzugen und es für alle einfacher zu machen und ein Stück weit etwas zu hinterlassen, was die Sambier an mich erinnern kann, bin ich zur Deutschlehrerin geworden.

Insgesamt merke ich, dass sich die Jugendlichen immer mehr in mich hineinversetzen können und auch, dass ich immer mehr Verständnis für die Sambier aufbringen kann. Mittlerweile erinnern sie sich zum Beispiel schon gegenseitig daran, dass ich vieles nicht verstehe, wenn sie Nyanja sprechen und ich muss nicht mehr selber darauf aufmerksam machen. Besonders nette Momente sind auch die nach der Sonntagsmesse, wenn wir in einer Gruppe andere nach Hause begleiten und dann wieder zurückgehen, wobei sich immer nette Gespräche ergeben. Dann kann es auch vorkommen, dass ich am Ende mit einer Freundin mehrmals zwischen meinem und ihrem Haus hin und her laufe, weil wir mit dem Austausch über das Neueste noch nicht durch sind. Die Zeit des Redens wird halt dann konstruktiv genutzt, indem man den anderen nach Hause begleitet und dann dieser einen wieder nach Hause begleitet.

Ebenso empfinde ich Gespräche, die mir neue Denkanstösse geben, sehr wertvoll. Zum Beispiel habe ich mich neulich mit einem Sambier darüber unterhalten, dass von hellhäutigen Menschen auf dem Markt oft mehr Geld verlangt wird als von Einheimischen. Das Verblüffende in dem Gespräch war, dass mein Gesprächspartner es als total respektlos empfand und ich es jedoch gut nachvollziehen kann. Meiner Meinung nach ist dies nur eine natürliche Reaktion darauf, wie sich viele Touristen und europäische Investoren verhalten. Einige Touristen sagen, dass sie viel Geld haben und dieses auch gerne ausgeben wollen, und viele Investoren zeigen ihren Reichtum gerne. Da ist es für mich nur verständlich, dass bei Sambiern der Gedanke entsteht, dass man von Weißen auch mehr Geld verlangen kann. Das Verständnis dafür führt aber nicht dazu, dass ich dort einfach mitspiele. Denn ich will hier auf einer Augenhöhe mit den Sambiern stehen und dementsprechend auch gleich behandelt werden.

Letztendlich gefiel mir an dem Gespräch, dass wir uns beide in die Situation des anderen hineinversetzt haben und auf die gegenseitige Wahrnehmung geschaut haben. Denkt man darüber nicht nach, kann das schnell zu Vorurteilen führen – den Sambiern gegenüber: „Die wollen uns alle abziehen” und den Weißen gegenüber: „Die schwimmen alle nur so im Geld”. In solchen Gesprächen merke ich dann, dass gerade diese Vorurteile vielleicht bei manchen durch diesen Kulturaustausch überdacht werden können.

Dazu passt eine andere Situation: Beim Verhandeln des Preises für eine Taxifahrt wurde ich nach mehr Geld gefragt als üblich, was ein anderer Taxifahrer mitbekam. Daraufhin nahm er mich für den korrekten Preis mit dem Kommentar, dass ich auch nur eine noch nicht verdienende Jugendliche sei, mit. Das hat mich sehr gefreut, denn es hat mir gezeigt, dass auch manche, denen ich nicht so nahe stehe, merken, dass ich nur ein normaler Mensch bin und nicht durch meine Hautfarbe besser gestellt. Doch genauso wie unterwegs zu sein und Leute zu treffen, genieße ich es auch, einfach nur zu Hause zu sein, nach meiner kleinen Schwester zu gucken, ein paar Aufgaben im Haus zu übernehmen und mit meinen Cousinen im Schlafzimmer zu sein, von denen sich eine in letzter Zeit prächtig über meine Aussprache amüsiert.

Ein Gefühl von Zuhause zu sein habe ich auch dann immer, wenn ich von einer Tour oder einem Seminar wieder zurückkomme und merke, dass ich mit den Menschen in Mazabuka ein Stück Heimat verbinde. Besondere Momente sind auch die, wo ich einfach nur mit jemandem Zeit verbringe und die Gespräche gar nicht so wichtig sind. Mehr ist die Geste bedeutend, dass man beisammen ist. Da mag man nur dasitzen und nichts tun oder womöglich noch eine Mahlzeit teilen, aber die Hauptsache ist, dass man in Gesellschaft ist. Diese unkomplizierte Herzlichkeit und Wärme findet man vor allem in den etwas bescheidener lebenden Familien, die nicht so sehr nach individuellem Erfolg streben und nicht so auf das eigene Auftreten bedacht sind.

In der Klinik sind die Momente besonders schön, wenn ich nach einem anstrengendem Arbeitstag auf diesen zurückblicke und keine getestete Person HIV-positiv war und nach allen Kindern ordentlich geguckt wurde und ich gemerkt habe, dass die Eltern ihre Verantwortung ernst nehmen, indem sie zum Beispiel die Kinder rechtzeitig impfen und einen HIV-Test nicht verweigern, sollten sie selber positiv sein.

Insgesamt habe ich schon viele Momente gesammelt, die mich berührt haben. Meistens sind das kleine Gesten, kleine Aufmerksamkeiten oder nebensächliche Kommentare, die mir zeigen, dass mein Aufenthalt hier einen Sinn macht.

Danke, dass mir dieser Kulturaustausch ermöglicht wurde!

Veronika

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