Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Echte Delikatessen und Diskrepanzen

10.10.2010, 11:30

An Tagen, die wir jeden Tag sechs Stunden damit verbrachten, die Erde umzugraben, waren meine Kräfte endgültig erschöpft und meine Bewunderung für die Menschen, die diese Arbeit jedes Jahr aufs Neue auf sich nehmen und sich nicht einmal beklagen, stieg ins Unermessliche.
Ich möchte einmal ein paar andere Situationen schildern, wie wir sie in Deutschland gar nicht kennen. Kurz nachdem die Regenzeit begonnen hatte, gab es an zwei aufeinander folgenden Abenden einen Ansturm von Tausenden einer bestimmten Insektenart und stundenlang konnte man sowohl Kinder als auch Erwachsene dabei beobachten, wie sie bis tief in die Nacht hinein diese Insekten fingen und sich Eimer um Eimer füllte. Währenddessen stand ich, mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, daneben und konnte meinen Abscheu einfach nicht überwinden. Umso erstaunter war ich, als ich diese so genannten „Inswa“ am nächsten Tag in gerösteter Form probierte und eine echte Delikatesse entdeckte.

Bei anderer Gelegenheit begleitete ich zwei Frauen aus der Nachbarschaft tief in den Busch um Feuerholz zu hacken. Zwei Stunden später hatten wir zwei etwa 40 kg schwere Holzstösse zusammengetragen. Während ich noch überlegte, wie wir diese nun wohl nach Hause transportieren würden, halfen sich die beiden Frauen schon gegenseitig, sie sich auf die Köpfe zu hieven. Auf dem Rückweg trottete ich also mit drei erbärmlich kleinen Stöckchen den schwer beladenen Frauen hinterher, fühlte mich ziemlich nutzlos und fragte mich, ob es sich hierbei um ein orthopädisches Wunder handelte.

Um noch einmal auf die Regenzeit zurück zukommen – eine der verheerendsten Auswirkungen in meinen Augen ist, dass wichtige Transportverbindungen unterbrochen sind, da sämtliche Brücken und Straßen überflutet sind. Wenn ich morgens die drei Kilometer durch den Busch zurücklege, die zu meiner Schule führen, muss ich manchmal eine Brücke überqueren und dabei durch knietiefes Wasser waten. Sollte es also innerhalb der nächsten drei Stunden zu regnen anfangen, gäbe es keinen Weg mehr zurück und ich müsste mir auf unbestimmte Zeit eine Unterkunft suchen. Eigentlich kein Problem, da man überall mit offenen Armen wie selbstverständlich aufgenommen wird, weil die Menschen an diese Umstände gewöhnt sind.
Aber in Fällen wie diesen merke ich immer, wie unflexibel ich mit meinen „deutschen” Einstellungen doch bin. Es fällt mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen und mich zu konzentrieren, wenn ich nicht alles genau planen kann und eventuell in meiner Freiheit eingeschränkt bin.

Ein halbes Jahr Regenzeit liegt nun hinter mir – eine Zeit der Unannehmlichkeiten, Einschränkungen und Verluste, aber auch des Erwachens, der Freude und der Hoffnung. Wenn es in Deutschland regnet, spannen wir den Regenschirm auf und setzen unseren Weg ungestört fort. Hier gerät alles in helle Aufruhr. Innerhalb weniger Minuten verwandeln sich die ohnehin schon schlammigen Wege in regelrechte kleine Sturzbäche, Flüsse treten über ihre Ufer und überschwemmen die umliegenden Felder. Eine knappe Stunde später ist alles genauso abrupt vorbei, wie es begonnen hat. Für viele bedeutet die Regenzeit den Beginn des Geschäfts – das Anbauen von Gemüse, insbesondere von Mais, Erdnüssen und Baumwolle. Und das hieß auch für meine Familie vom jüngsten bis zum ältesten Mitglied eine Woche lang harte Knochenarbeit. In dem Glauben, so schwer könne das ja nicht sein, schnappte auch ich mir einen Spaten und folgte ihnen aufs Feld. Nach fünf der üblichen 65 Schüler nur 23 in der Klasse vorfand, denn ein Grossteil der Schüler aus den umliegenden Dörfern muss reißende Flüsse überqueren und wer riskiert schon sein Leben für vier Schulstunden. Eine Katastrophe eigentlich, aber da mache ich den Schülern keinen Vorwurf, wenn sie für eine Woche abwesend sind. Umso mehr steigert sich mein Unverständnis und Entsetzen, wenn ich sehe, wie Kinder, die verspätet erscheinen, zur Bestrafung von ihren Lehrern mit Stöcken auf die Köpfe geschlagen werden. Ein Verbrechen laut Gesetz, von der Kultur jedoch als erfolgreiches Erziehungsmittel anerkannt. In Augenblicken wie diesen stößt meine Toleranz eindeutig an Grenzen.

In den vergangenen sechs Monaten ist mir eines bewusst geworden. Je tiefer ich in diese fremde Kultur eindringe, desto größer empfinde ich die Diskrepanz zwischen meinen eigenen Einstellungen und Bedürfnissen und derer, die hier leben. Daraus entstehen unweigerlich Spannungen und manche Konflikte sind unausweichlich. Allerdings denke ich, dass ich an diesen nur wachsen kann, solange ich sie nicht als unlösbare Probleme, sondern als Herausforderungen betrachte. Eines fordert das aber besonders – eine Menge Geduld.

Cora

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