Erfahrungsberichte unserer Auslandsfreiwilligen

Auszüge aus meinem Leben in Salvador

14.05.2012, 10:00

Bericht von Valerie

Olá liebe Freunde, Verwandte, Bekannte, Unterstützer und Interessierte!

Nun ist es tatsächlich schon Dezember und die Zeit hier in Mangueira, einem Armenviertel von Salvador da Bahia, ist wie im Fluge vergangen – ich habe jetzt gerade Weihnachtsferien und endlich die Ruhe gefunden, mich an den PC zu setzen um ein bisschen zu schreiben. In der Hinsicht bin ich schon ein wenig „brasilianisch“ – das Leben wird im Moment gelebt und Priorität wird immer dem ’Jetzt’ zugeordnet, da geraten einige Pläne oder Vorsätze schon einmal in Vergessenheit.

Festlichkeiten

Nun rolle ich das Feld einfach mal von hinten auf und beginne mit der Weihnachtszeit, die bis auf den Namen keine großen Ähnlichkeiten zu Deutschland hat. Anfang Dezember, als ich spät mit Freunden von einem Ausflug an den Strand zurückkam, wurden wir – als wir in Mangueira an dem zentralen Lago de Papagaio (Platz der Papageien) ankamen – von einer Flut aus „Weihnachtsbeleuchtung“ geblendet, soll heißen alle 2 Meter ein Gemisch aus allen möglichen Farben und mittendrin thront ein riesiger blau-strahlender Weihnachtsbaum, der tatsächlich nur aus Glühlämpchen besteht.

Auch in den Häusern kommt so langsam „Weihnachtsstimmung“ auf, sprich bunte blinkende und am besten noch musik-machende Lichterketten, grüne, blaue oder – wie dieses Jahr im Trend – pinke Plastikweihnachtsbäume. Wer meint dieser Kitsch könnte es schon schwierig machen, in die gemütliche Weihnachtsstimmung zu kommen, der kann mal versuchen sich vorzustellen, wie man sich fühlt, wenn dann noch ganztägig lautstark Samba, Pagode oder andere brasilianische Musik gespielt wird und bei gut 30 Grad Bier getrunken wird. Wenn dann auch noch das Plätzchen-backen und natürlich -essen fehlt, kommt an manchen Tagen schon mal verstärkt das Heimweh hervor und man sehnt sich nach Schal und Mütze, Plätzchen, einer Tasse Tee, heißem Kakao oder Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt oder nach dem Sofa zuhause mit der Familie vor einem Kaminfeuer oder einem echten Weihnachtsbaum.

Dann war es soweit – Weihnachten, aber nichts von der gewohnten Stille und Ruhe auf den Straßen in Deutschland, da alle Geschäfte geschlossen und die Familien im Haus sind, kein Schnee und kein Plätzchenduft … nein ich werde um 6 Uhr morgens von lauter Sambamusik und Stimmen der Leute geweckt, die schon auf der Straße anfangen zu trinken, zu tanzen und ihre Ferien feiern. Alle Geschäfte sind noch offen und viele Menschen arbeiten noch. Bis auf das „Feliz Natal“, das man von allen Seiten hört und die vermehrten Umarmungen, ist es eigentlich ein Tag wie jeder andere.
Den Weihnachtsabend habe ich zuerst mit der Familie Pereira, mit der ich zusammen wohne, verbracht. Es gab reichlich Essen – traditionell werden hier Huhn mit Reis, Obst, Käse, Kuchen, “Panetone“ (traditionelles Früchtebrot) und viele kleinere „Salgados“ (Salziges – kleine salzige Gebäcke, hauptsächlich mit Fleisch gefüllt) gemacht – die es hier zu allen möglichen Anlässen gibt – und natürlich Bier.

Es wurde gewichtelt (wird amigo secreto = geheimer Freund genannt), was hier übrigens sehr beliebt ist. Nachts, denn für die meisten fängt Weihnachten erst um 24 Uhr an, bin ich dann einer Einladung eines Freundes gefolgt und mache mich auf den Weg zu dem nahe gelegenen Haus seiner Familie und bin baff, dass ich nun noch mehr Menschen auf der Straße sehe als sonst, tanzend, singend, Bier-trinkend – das Leben hier ’passiert’ wirklich wortwörtlich auf der Straße. Natürlich renne ich alle 2 Minuten in Bekannte oder Freunde und natürlich habe ich jeweils die Zeit für zumindest ein Bier … so komme ich, echt salvadorianisch, eine Stunde später, für einen 5 Min. Fußweg, dort an und das Churrasco (Grillen! an Weihnachten!) ist schon voll im Gange und die Familie hat alleine mindestens schon gefühlte 5 Tonnen Fleisch und 200 Liter Bier vernichtet.

An Sylvester war diese Art zu feiern jedoch viel passender und ein einmaliges Erlebnis – statt in der Kälte, mit Schal und Mütze gewappnet, für 5 Minuten nach draußen zu gehen um die Feuerwerke anzuschauen – ging es hier schon nachmittags mit Bikini an den Strand, das Biertrinken muss ich ja – glaube ich – nicht weiter erwähnen … auch wenn ich mich schon so langsam daran gewöhnt habe, fiel es für mich zumindest tagsüber bei der Hitze flach, doch die Salvadorianer werden auch von 33 Grad nicht aufgehalten, im Gegenteil, sie trinken es wie Wasser.
Gegen Abend gab es dann mehr Menschen als Muscheln am Strand, die auf die nun schon bekannte einzigartige brasilianische Art feierten und nur um 24 Uhr innehielten – um dann von allen Seiten der riesigen Bucht Feuerwerke über dem fast schwarzen Meer zu bestaunen, was einen wunderschönen Anblick ergab!

Alltag

Jetzt aber erst einmal genug von den Festen und zurück zu meiner Arbeit hier im Projekt.
Ich versuche einfach mal einen typischen Tag zu schildern – wobei man erwähnen muss, dass es eigentlich keinen typischen Tag gibt – denn jeden Tag gibt es irgendetwas Neues oder es passiert etwas ‘Ungeplantes’, sei es, dass man spontan eingeladen oder irgendwo gebraucht wird … und etwas ‘fest’ zu planen ist mit den meisten Mangueirianern sowieso äußerst schwierig.

Der Posto

Morgens arbeite ich in einem Gesundheitsposten (“Posto”), in dem die Menschen kostenlos behandelt werden. Diese Station gibt es um Blutdruck zu messen, Wunden zu versorgen, Verbände anzulegen, Fäden zu ziehen, Körpergewicht zu kontrollieren, Injektionen zu geben, Zuckerspiegel zu messen und auch um einige Medikamente zu verteilen. Hier haben unglaublich viele Menschen Probleme mit dem Blutdruck und sie haben zugleich oft die Angewohnheit, alle Krankheiten, Unwohlbefinden etc. auf ihren Blutdruck zurückzuführen. Der Posto ist besonders für die älteren Menschen wichtig, die es nicht schaffen, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen sowie die teilweise horrenden Kosten zu bezahlen. Dieses Jahr hatten wir mehr als 4.500 Patienten!

Ich messe eigentlich hauptsächlich nur Blutdruck und Gewicht, aber viele der Menschen kommen auch einfach nur zum Reden in den Posto – haben einen guten Blutdruck, kommen aber jeden Tag und bleiben eine Stunde oder länger. Mir sind viele ‘Patienten’ schon total ans Herz gewachsen und ich habe auf diese Art sehr viele Lebensgeschichten oder Geschichten aus der Favela gehört.

Die Schule

Mittags geht es dann weiter in die Schule, in der ich aushelfe, wo ich kann und so ein bisschen ‘das Mädchen für alles’ bin: sei es, dass ich im Unterricht helfe, Essen austeile, mit den Kindern spiele, fege, die Kommunikation zu Deutschland unterstütze oder auch jeden Tag ganz viel für die Kinder oder für die anstehenden Feste riesige Bilder zum Ausmalen oder Lernen zeichne.
Es gibt immer irgendetwas zu tun und die rund 70 Kinder sind doch anstrengender als die meisten deutschen Kinder. Die Kinder lernen, spielen und essen hier – was echt wichtig ist, da die Ernährung hier ein ganz großes Problem ist. Viele der Kinder essen zuhause nur Chips und Süßkram und bekommen wenig gesunde Nahrung. Es ist unglaublich zu sehen, dass einige der Kinder sogar schon braune Zähne haben – an dem Punkt arbeiten der Posto und die Schule zusammen, denn einmal in der Woche kommt Amparo, die Krankenschwester, die den Posto leitet, in die Schule, um den Kindern ein bisschen über Hygiene – wie zum Beispiel richtiges Zähneputzen – beizubringen.
Die meisten Kinder wachsen sozusagen auf der Straße auf – sie werden also wenig beschäftigt, da sie entweder nur einen Elternteil haben oder die Eltern arbeiten.

Fußball

Nachmittags gehe ich dann, wenn ich die Zeit finde, noch in die „Straßenkinderprojekte“, was eigentlich nur Fußballgruppen sind, die aber – wie ich ehrlich sagen muss – den größten Einfluss auf die Gesellschaft hier haben. Fast jedes Kind hier in Mangueira spielt Fußball oder hat schon einmal mit den Fußballgruppen trainiert.
Fußball ist insofern so wichtig, weil die Kinder nicht die ganze Zeit auf der Straße rumhängen, der Zusammenhalt dadurch gefestigt sowie die Schule sehr gefördert wird – denn wer die Schule schwänzt oder ganz schlechte Noten hat, muss beim Training aussetzen, was – wie sich herausgestellt hat – super funktioniert und unglaublich den Ehrgeiz anspornt!

Es wird viel mit den Kindern über Schule, Drogen etc. geredet und aufgeklärt.

Bale, der Trainer der Gruppen, kennt fast jede Person in Mangueira und jedes Mal, wenn man mit ihm irgendwo unterwegs ist, höre ich Geschichten wie: „Bale hat mich von der Straße geholt, wegen ihm habe ich die Schule beendet oder einen Job bekommen.“

Sprachunterricht

An den Wochenenden habe ich auch schon ein paar Mal Englischunterricht für Kinder gegeben und „privat“ auch regelmäßig Deutschunterricht für vier Erwachsene. Es macht total Spaß zu sehen, wie sie inzwischen schon kleine Gespräche führen können – vor allem, da es für drei von ihnen die erste Zweitsprache ist.

Capoeira

Abends trainiere ich dann fast täglich Capoeira. Capoeira ist nicht einfach nur ein Sport, für die meisten Capoeira-Spieler ist es eine Lebenseinstellung, eine Ideologie für ein ganzes Leben.
Zuerst einmal ist dieser Sport, ursprünglich ein Kampfsport, der von den afrikanischen Sklaven als Verteidigung entwickelt und als Tanz getarnt wurde, tief in der brasilianischen Kultur, besonders hier in der Gegend Bahias, verwurzelt.

Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde ich sagen ein bisschen eine Mischung aus Kampfsport, Breakdance und Yoga. Eine Besonderheit an diesem Sport ist, dass man niemals auslernen kann – es sind nicht nur die unzähligen einzelnen Bewegungen : Angriff, Ausweichmanöver, sowie – ich nenne sie mal – “tänzerische Elemente”, sondern auch das “aufeinander Eingehen”, denn es spielen immer zwei Personen miteinander und doch auch gegeneinander. Was Capoeira aber so einzigartig und intensiv macht, ist der begleitende Gesang und Rhythmus, der durch drei traditionelle Instrumente erzeugt wird – dem Berimbau, dem Atabaque und dem Pandeiro.

Leben

Ansonsten versuche ich einfach das alltägliche Leben zu meistern – inzwischen weiß ich schon, wo ich was am besten einkaufe, an welchen Tagen Obst geliefert wird oder was wann wo am günstigsten ist und schaffe es einigermaßen mein Geld einzuteilen. Schon schwieriger ist es, immer das Zimmer ’auf Vordermann’ zu halten, durch den ganzen Straßendreck muss mindestens alle 2 Tage gefegt oder besser gewischt werden, der Esstisch und die Kochzeile müssen immer sauber gehalten werden, damit die Kleintiere nicht Überhand nehmen, Müll muss jeden Tag geleert werden, sowie Geschirr abgewaschen werden und natürlich ist die Handwäsche nicht zu vergessen, die vor allem sehr zeitaufwendig es ist.

Ich gerate auch nicht mehr in Panik, wenn mal wieder Strom oder Wasser ausfällt – Kerzen, Streichhölzer und Feuerzeug liegen griffbereit … und das Duschen mit Wasser aus dem Eimer lernt man auch schnell und da Wasser höchstens ein paar Tage fehlt, ist alles eine Gewöhnungssache.

Das ist auch wieder so etwas absurd bahianisches : Pünktlichkeit, Genauigkeit, Versprechen, Verpflichtungen etc. steht bei ihnen in der Regel auf der Prioritätsliste ganz unten, sie leben eher in den Tag hinein und machen das, worauf sie gerade Lust haben oder helfen, wo sie gerade gebraucht werden. Doch wenn es um die Sauberkeit und Hygiene des Körpers oder des eigenen Hauses geht, sind sie ganz vorne dabei – auf der Straße wiederum schmeißen sie allen Müll hin, urinieren, spucken oder bekritzeln alles Mögliche.

Alles in allem kann ich jetzt nach einigen Monaten schon sagen, dass ich dieses Land (beziehungsweise den kleinen Teil, den ich kennengelernt habe) und das Leben und vor allem die Menschen hier lieben gelernt habe. Es ist unglaublich, wie schnell man neue Leute kennenlernt und sogar richtige Freundschaften schließt. Gerade durch die neugewonnenen Freundschaften habe ich viel mehr vom Leben hier erfahren und viele andere Erfahrungen außerhalb des Projektes gemacht. Besonders die kulturelle Seite Salvadors schätze ich sehr. Hauptsächlich natürlich die Musik – von Samba über traditionelle afrikanische Musik bis hin zu dem weit verbreiteten Reggae.

So besuchen wir zum Beispiel regelmäßig dienstags den Pelourinho, die wunderschöne Altstadt von Salvador – wo schon seit vielen Jahren ein Künstler namens Gerônimo kostenlos spielt – laut Legende hat er vor vielen Jahren, für einen Gott des Candomblé, ein Versprechen abgegeben, dass er für 20 Jahre jeden Dienstag dort spielen wird.
Wer einmal Salvador besucht, sollte sich das nicht entgehen lassen!

Ich bin wirklich froh und dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen darf und weiß jetzt schon, dass dies eine unvergessliche Zeit meines Lebens wird. Ich hoffe es hat euch einen kleinen Einblick in mein Leben, meine Arbeit und meine Umgebung verschafft – ich könnte noch ewig weitererzählen, die Geschichten nehmen kein Ende, und wer noch mehr lesen möchte lade ich ein auch mal auf meinen Blog zu schauen; http://valerieinbrasilien.blogspot.com
An dieser Stelle möchte ich auch nochmal ein riesengroßes Dankeschön an meine Familie, alle Sponsoren, Spender und Unterstützer geben – insbesondere das Bistum Aachen, die Kreissparkasse in Erkelenz und natürlich die Eine-Welt-AG!

Abracos e Beijos!
Eure Valerie

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